Enthüllung: Vorder-Zinnwalder Altar
Am Dienstag, den 11.9.2007, 17:00 Uhr, findet im Regionalmuseum Teplitz/Teplice die feierliche Enthüllung des vermutlich ältesten Flügelaltares Böhmens, des Vorder-Zinnwalder Gnadenaltars statt. Er befand sich in den letzten 2 Jahren in Leitmeritz/Litomerice a. d. Elbe und wurde aufwendig restauriert. Der Gnadenaltar wird nicht mehr nach Zinnwald zurückkehren, er verbleibt im Regionalmuseum Teplitz/Teplice am Schlossplatz als glanzvolles Ausstellungstück der 600 -jährigen Zinnwalder Geschichte.
Weblink: http://www.muzeum-teplice.cz/
Update vom 12.09.2007
Allen Kammweg- und Grenzbuchen- und nun auch Altarfreunden ein herzliches Ahoj aus Teplitz. Heute war der große Moment im hiesigen Museum gekommen: der restaurierte Gnadenaltar wurde gezeigt. Außer zwei Zinnwäldlern und dem Pfarrer Birkner war diesmal die deutsche Vertretung schwach. Aber auch von tschechischer Seite waren wirklich nur die ehrlich Interessierten gekommen. Auch Pater Benno war natürlich dabei. Als Vertreterin des Regionalmuseums war Frau Mag. Chleboradova von der historischen Abteilung anwesend und sprach auch die einleitenden Worte, wobei sie vor allem knapp die Geschichte des Altars beschrieb.
Sehr interessant waren dann die Ausführungen einer der Restauratorinnen, die über ihre Arbeit berichtete, welche Überraschungen sie brachte, aber auch welche Mühen, den Originalaltar aus zahlreichen, oft starken Übermalungen der letzten Jahrhunderte zu befreien. Für einige wird nun der Anblick etwas fremd sein, denn es fehlt der Altaraufsatz, der erst im Barock mit Hilfe eines Reliefs aus dem eigentlichen Sockel des Altars entstand und unter der Übermalung des Sockels kamen wertvolle Tafelgemälde mit sechs Aposteln zum Vorschein. Es war auch ein Wissenschaftler des Historischen Instituts aus Prag anwesend, der etwas wie die historische Oberaufsicht und Beratung bei der Restaurierung hatte und auch einige Worte zum theoretischen Teil der Restaurierung und über die Finanzierung sagte.
Da nun der Altar vom Bistum Leitmeritz dem Teplitzer Museum als Dauerleihgabe übereignet wurde, kann jeder interessierte Zinnwäldler im Museum den Altar besichtigen. Es sind noch einige Vitrinen zusätzlich ausgestellt, in denen dann der Verlauf der Restaurierung dargestellt wird. Auch ein Bild der Marienkapelle in Vorderzinnwald ist zu sehen.
Der leider nur in Tschechisch gehaltenen Begleittext zur Ausstellung ist im Anhang von mir in Eile übersetzt, damit alle Interessierten rasch informiert werden (also Auge zudrücken!). Es ist fast besser, sich diesen Text vor dem Museumsbesuch durchzulesen, damit man dann gezielt auf die
Besonderheiten achten kann. Mir ist auch Vieles erst danach klar geworden, sonst hätte ich den Altar auch bewusst mit Sockel aufgenommen. Naja, einfach kommen uns selbst ansehen! In diesem Sinne liebe Grüße über die Grenze von
Jutta aus Teplitz
Altar „Mariä Himmelfahrt“
(ausgeliehen vom Diözese-Museum Leitmeritz)
Der Altar von unbekannten Meistern Anfang des 16. Jh. mit dem Zentralmotiv von Mariä Himmelfahrt stammt aus der Wallfahrtskirche im sächsischen Fürstenau, wo er die Reformation und den Konfessionswechsel überdauerte. Der Altar erfreute sich großer Verehrung, vor allem seitens der Katholiken, die zum „Gnadenbild“ auch von der böhmischen Seite kamen. Die alte evangelische Kirche erlag im Jahre 1883 dem Verlangen nach einem neuen Kirchenbau. Der geräumige Altar wurde in das Rathaus von Fürstenau gebracht, wo er allerdings unter der Wärme und Trockenheit litt und der Gemeinderat bald entschied, den Altar samt Mensa der neu errichteten Marienkapelle in Vorderzinnwald zu übereignen. Zur Übergabe kam es im Herbst 1887. Der Altar wurde auf einen Wagen gelegt und in einer festlichen Prozession mit Kranzjungfern und Musik nach Vorderzinnwald überführt, wo er unter Singen der lauretanischen Litanei und dem Lobgesang „Gott, wir loben dich“ installiert wurde. In der Pfarrchronik von Zinnwald ist ein Auszug der Geschenkurkunde enthalten, worin beschrieben wird, dass der Altar, der im Besitz der Gemeinde Fürstenau war, der Gemeinde Vorderzinnwald als Eigentum der hier errichteten Kapelle übergeben wird, einer zur Kirche Zinnwald gehörenden Filiale. Die Übergabe wurde durch Unterschrift bestätigt mit dem Wunsch, „dass hier so lange wie möglich Gottesdienste zur Ehren Gottes stattfinden mögen“, erteilt in Fürstenau 1.11.1887. Unterschrieben: Glöckner – Bürgermeister, Hönig, Hanke als Gemeinderat und Waldemar Winfried Lindner – Pfarrer. In dieser Wallfahrtskirche befand sich der Altar bis Ende des 2. Weltkriegs. Die Wallfahrten fanden am 2. Juli statt, am Tage von Mariä Heimsuchung, einem Feiertag „ehrlicher, reiner, treuer Freundschaft“ zwischen der hl. Elisabeth und der Jungfrau Maria. „Ein treuer Freund ist ein starker Schutz und wer ihn findet, findet einen Schatz-Ein treuer Freund ist die Medizin des Lebens“ (biblischer Text)
Die Gemeinde Vorderzinnwald einschl. Marienkapelle wurde in den bewegten Zeiten nach 1945 liquidiert. Der Altar kam in die Barockkirche Mariä Himmelfahrt in Zinnwald (Hinterzinnwald), wo er bis in die 90er Jahre des vergangenen Jahrhunderts stand. Danach wurde der Altar in das Depositorium des Diözese-Museums in Leitmeritz überführt und in den Jahren 2004 – 2007 restauriert. Nach Vereinbarung mit dem Bistum Leitmeritz und dem Regionalmuseum Teplitz ist er nun seit dem 11. September in der Exposition gotischer Kunst des Museums ausgestellt.
Der Schrein des Altars vereint das Zentralmotiv Assumpta – Jungfrau Maria als gekrönte Königin des Himmels mit Darstellungen aus ihrem Leben auf Reliefs in der Innenseite der Altarflügel und Tafelgemälden, die Verwandtschaft Marias darstellend, auf der Außenseite der Flügel. Ein Relief mit der Geburt der Jungfrau Maria ist Bestandteil der Predella (des Sockels), begleitet ist es von Tafelgemälden mit den Figuren der sechs Apostel. Die Ikonographie des Altars geht aus dem starken Marienkult des 15. Jahrhunderts hervor. Die Reliefs an den Innenseiten des Altars stellen vier der sieben Freuden Marias dar: Verkündigung, Heimsuchung, Geburt des Herrn und Anbetung der Weisen. Die Assumpta – Jungfrau Maria auf dem Halbmond im Sonnenstrahl wird getragen durch zwei Engel – Seraphim, zwei weitere halten ihre Krone, die einen in den goldenen Hintergrund eingelassenen Heiligenschein überdeckt mit der Aufschrift Sancta Maria Ora Pro (das Wort Nobis ist unleserlich). An den Innenwänden des Altarschreins sind Engelgestalten mit Laute und tragbarer Orgel dargestellt. Jesus im Arm der Jungfrau Maria hält in seiner Hand einen Granatapfel als Symbol der Kreuzigung. Vorlage für die Jungfrau Maria ebenso wie für die anderen Darstellungen waren mit größter Wahrscheinlichkeit graphische Blätter des deutschen Malers und Graphikers Martin Schongauer (Colmar 1445/80 – 1491) oder graphische Blätter seiner Nachfolger oder Nachahmer. Durch ihre Vermittlung wurden Inventionen der niederländischen Malerei (vor allem Jan van Eyck, Roger van der Weyden) weiter in Europa verbreitet. Diese Einflüsse sind sowohl auf den Reliefdarstellungen als auch auf den Tafelgemälden sichtbar, wo Jungfrau Maria, die hl. Anna, Maria Kleophas und auch Maria Salome vom Typ der sitzenden Madonnen niederländischer Meister ausgehen. In der Sammlung spätgotischer Plastiken und Tafelgemälde des Regionalmuseums Teplitz wird der Altar neben das Tafelgemälde mit der Geburt des Herrn (ursprünglich Teil der Abteigalerie in Ossegg) aus der Werkstatt eines oberrheinischen Meisters Ende des 15. Jh. eingeordnet, ausgehend von der gleichen Inventionsquelle wie die Schnitzereien und Malereien des Zinnwalder Altars.
Der im Jahre 1887 nach Vorderzinnwald gebrachte Altar war nicht original. Im Verlaufe der Untersuchung wurde festgestellt, dass zwei Elemente, die den tragenden Teil der Mensa bildeten, unter der Übermalung die Trageelemente der originalen Mensa bewahrten, zwischen denen sich ursprünglich ein Relief befand, das nachträglich in den frühbarocken Aufsatz des Altarschreins eingelassen wurde. Bei der Restaurierung wurde auch die Deckplatte der Mensa gefunden, wodurch ermöglicht wurde, die Zusammenstellung in den annähernd originalen Zustand zurückzuführen. Während der Restaurierung wurden barocke dekorative Schnitzereien und Übermalungen und weitere starke Schichten von Übermalungen aus dem 19. Jh. entfernt. Den Altarschrein restaurierten M. Pavlíková und L. Helfertová, die Predella E. VotoÄková. Die Restaurierung wurde aus dem „Programm zur Restaurierung beweglicher Denkmäler“ des Kulturministeriums der CZR und aus dem Fonds des Bistums Leitmeritz finanziert.
B. Chloborádová